Leben ohne Bücher

Mittwoch, 24. März 2021

Ein Leben ohne Bücher

 

Wir hatten uns aus den Augen verloren. Die Bücher, die Geschichten und ich. 

Heißt nicht, ich hätte nicht gelesen. Nur deutlich weniger, ohne das Gefühl mich hinzugeben. 

Ich las aus dem schlimmsten aller Gründe: Pflichtbewusstsein, war ich mir doch bewusst, dass ich den Romanen meiner Kindheit und Jugend, Sprache und Ausdruck zu verdanken hatte.

 

Warum das Verlangen austrocknete, weiß ich nicht. Möglich, dass anderes wichtiger wurde, dass die Reize des Digitalen einfach zu groß waren. Farbintensiv, laut, groß und einnehmend wie ein Schlag ins Gesicht, der mich taumelnd auf Sofa oder Bett sinken ließ. Kein Anzählen notwendig. K.O. 

 

Dabei hatte ich großes Glück. Ich bin die letzte Generation, in der es, im Leben eines Kindes, Normalität war, aus Vergnügen, zu lesen. Die einen mehr, die anderen weniger. Der Grund, warum Paletten, riesige Stapel geschriebenen Wortes nötig waren um die Nachfrage der Jungen und Alten zu befriedigen: Harry Potter. Die Welt, fantastisch gleichgeschaltet durch eine Erzählung. 

 

Das war der letzte "Hype" der Literatur. Ein Wort dass nun verwendet wird, um millionenfach geklickte und gestreamte Social Media-Fetzen zu beschreiben. Ein Gütesiegel für Massentauglichkeit. 

 

In meiner Kindheit gab es, dank meiner Großmutter, schon früh Bücher. Erst Karl May Western, Abenteuerromane, dann irgendwann Horror und Thriller, Biografien und danach schlankere Romane, oft nur auf den ersten Blick eleganter, oft Diogenes. 

Die Qualität der Litaratur ist weniger ausschlaggebend als die Menge. Schlecht geschriebene Texte werden irgendwann, ganz natürlich, identifiziert und analysiert. Der Wortschatz, die Eloquenz trägt keinen Schaden davon, weil wir beim Lesen aufmerksam sind, uns nicht verführen lassen. Konzentrierte Selbstreflektion.

 

Was Social Media und Bücher unterschiedet ist vorrangig Zeit. Während sich Instagrams "Kurzgeschichten" aus Bild, Text und Ton in Sekunden snacken lassen, müssen für den Romanverzehr  Vorkehrungen getroffen werden. Ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit und Durchhaltevermögen sind nötig um sich hunderte Seiten, in mehreren Gängen, einzuverleiben. Die Entschleunigung kann Zumutung, kann Entzug für junge Gehirne sein. 

 

Aber wie soll das geschriebene Wort diesen Kampf gewinnen? Reizlos steht es in Regalen, liegt auf Tischen und kann nur durch den Buchrücken, oder wenn es Glück hat, durch das Front-Cover die Aufmerksamkeit des potenziellen Lesers erhalten. 

Die Gegner, immer bereit durch Vibration, die ersten Treffer zu setzen, durch Bombast die Sicht zu versperren und durch Aktualität den entscheidenden Treffer zu landen. 

 

Ob ich glaube, dass es noch einmal einen Litaratur-Hype geben wird? Nein. Die Grundlage, der Nährboden besteht nicht mehr. 

Ob es weiterhin junge und alte Menschen gibt die ihren Geist durch Literatur schärfen, die sich ihre tägliche Dosis Mut für ihr Leben aus den Seiten ziehen, die ein Stück Heimat finden in den Geschichten? Unbedingt. 

 

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