Die Anonymität des Reisenden

Die Anonymität des Reisenden ist ein Geschenk. In der bunten Masse untertauchen. Das Gefühl haben dazuzugehören und gleichzeitig ganz still für sich zu sein. Isolierter Beobachter, der einen seiner Sinne überdeckt, um einen anderen intensiver wahrzunehmen. Bilder zur Musik. 

Manchmal zwingt einen das eigene Interesse oder die Notwendigkeit auf Menschen zuzugehen. Nicht an den Selbstbedienungs-Touchscreen zu gehen, der immer vertrauter wird, sondern jemandem in die Augen zu schauen, Wortschatz ausgraben und Konversation führen. Der einfache Austausch. Niemand erwartet Tiefe in diesen Momenten, doch manchmal ist sie trotzdem einfach da. 

 

Dann sitzt man am Flughafen. Ist glücklich, voller Vorfreude oder beschäftigt mit dem Versuch, den Gedanken an die Heimreise zu überdecken. Verschiedenste Menschen treffen sich zwangsläufig in den sterilen Abfertigungshallen eines Flughafens. Vielfältigkeit trifft Nüchternheit. Und diese Nüchternheit lässt kulturelle Unterschiede noch heller leuchten. 

 

Auf Märkten, in belebten Straßen kämpft der Charakter des Einzelnen permanent um die Vorherrschaft der Aufmerksamkeit. Es ist schwerer seinem gegenüber aufzufallen, wenn Säcke voller Gewürze und Hühner in Käfigen die Sinne berauschen. 

 

Um in die Realität zurückzukehren. Ich sitze in Lissabon am Flughafen. Melina, wegen Covid-Maßnahmen, 3 Sitze weiter. Wir kommen von Sao Miguel auf den Azoren. Die Inselgruppe war einer der letzten Orte gewesen, die nicht als Risikogebiet eingestuft waren. Ein negativer Test Voraussetzung für die Einreise. Dann kam der 2. Test und damit Melinas Diagnose,  Covid positiv. Ich, der negativ Getestete, sorgte dafür dass unsere Quarantäne von 10 auf 14 Tagen erweitert wurde. 

Also was tun? Tägliche Updates auf Youtube veröffentlichen und uns damit, teils heftiger, Kritik aussetzen. 

Die Anklagepunkte: "Warum reist man in dieser Zeit" und "Warum filmt man das und buhlt um Aufmerksamkeit?" 

Das trifft. Es setzt Prozesse in Gang. Zweifel an der eigenen Fähigkeit Risiken richtig abzuschätzen, Zweifel an der eigenen Sinnhaftigkeit. Man wird ganz klein, während die Kommentare laut nachklingen. 

 

In diesem Moment in dem alles hinter uns liegt, wir sitzen im Flugzeug nach Frankfurt, habe ich Verständnis. Nicht für die Kommentatoren. Nein, für mich. Das soll nicht heißen, dass ich Melina und mich als schuldlos definieren möchte (es ist möglich, dass wir trotz Vorsicht, Menschen mit dem Virus angesteckt haben) , sondern dass ich verstehe, WARUM. 

Warum wir in den Flieger gestiegen sind. Warum der Drang etwas Welt zu sehen zu groß war um ihn zu ignorieren. 

 

Es bedeutet etwas, Reisender zu sein. Egal ob anonym oder gesellig. Es ist kein Urlaub. 

Nein, eine Reise bedeutet Leben. Und ich liebe dieses Leben. Jedes Mal wenn sich die Möglichkeit eröffnet. Jedes Mal, wenn ich ein Flugzeug, einen Zug oder einen Fernbus betreten darf. Vehikel mit dem Potenzial mich an Ferne Orte zu bringen, mich reicher an Erfahrung, reicher an Wissen, reicher an Verständnis zu machen. 

Ich werde es nie bereuen, eine Reise, angetreten zu sein. Auch wenn die digitalen, Sofa-Aktivisten lauter werden. 

 

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