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Die Azoren im November | Ankommen auf Sao Miguel

16:46 Uhr

 

Hey 

Schön dass du begonnen hast meinen kleinen Bericht zu lesen... 

 

Mal wieder in einem Flugzeug. Ist bestimmt eineinhalb Jahre her. Es sind spezielle Umstände, die Fliegen in diesen Tagen natürlich etwas komplizierter machen. 

Masken, Abstände, leere Flughäfen. Alles notwendig um die Ausbreitung der Covid-Pandemie einzudämmen. 

 

Warum fliegen wir überhaupt in dieser Zeit? 

Wir haben die Azoren, unser Reiseziel für heute, vor einigen Monaten gewählt, weil uns bewusst war, dass eine Inselgruppe im Atlantik, für die Mitte November keine typische Reisezeit ist, wahrscheinlich kein Risikogebiet werden würde. 

Und das sind sie bis heute nicht. 

Zum Vergleich: 24 Fälle kamen gestern hinzu. Bei knapp 250.000 Einwohnern. Im Rheingau-Taunus-Kreis, unserer Heimat, sind es um ein Vielfaches mehr. Die Wahrscheinlichkeit sich dort mit Covid 19 zu infizieren also geringer. 

Wie sieht es mit dem Fliegen aus? Jeder trägt Maske, das Flugzeug ist halb gefüllt und die Durchlüftung ist wesentlich effizienter als die eines Zuges oder eines deutschen Klassenzimmers. 

Außerdem darf nur einreisen, wer einen negativen Test vorweist. Natürlich ist dabei jeder auch selbst verantwortlich. Abstand halten, Masken tragen in öffentlichen Räumen und erhöhte Hygiene.

Allem in allem also ein überschaubares Risiko, dass das von Einkäufen oder Arbeitsalltagen nicht übersteigt. 

 

Genug Covid, genug Rechtfertigung. 

Wir freuen uns auf eine Woche, in der wir Natur genießen, Zeit miteinander verbringen und kleine Abenteuer erleben möchten. Der Monotonie für einen kleinen Moment entfliehen. Am Meer sein, eine andere Sprache hören, etwas erleben das weniger virtuell sondern greifbar ist. 

 

Die Azoren Inselgruppe vereint 9 Inseln im Atlantik zwischen Portugal und Nordamerika. Ihrem vulkanischen Ursprung sei Dank, haben sich spektakuläre Landschaften gebildet. Raue Klippen, Krater, Höhlen, regelmäßige Regenschauer sind nur einige der Charakteristiken, für die die Azoren stehen. Wir wollen viel draußen unterwegs sein. Hauptsächlich wandern, kayaken und, mit etwas Glück, Waale sehen. Die Temperaturen liegen aktuell bei konstant 19 Grad. 

 

Ich bin aufgeregt. Liebe das "kein zurück mehr" einer Flugreise. Zwischenlandung in Lissabon, bevor es von dort nach Sao Miguel geht. Sao Miguel, die größte der neun Inseln, beheimatet den internationalen Flughafen und mit Ponta Delgada eine etwas größere Stadt (ca. 70000 Einwohner). 

Unsere Woche werden wir auf Sao Miguel und in nur einem Hotel verbringen. Das scheint uns in der aktuellen Lage, die sinnvollste Art zu reisen. 

 

Es ist später Nachmittag, wir fliegen über ein bewölktes Spanien, der Körper kündigt schon an, dass er später wahrscheinlich ziemlich am Ende sein wird und die Frage, ob es zu einer veganen Mahlzeit kommen wird, bleibt bis auf Weiteres offen. Hoffentlich nicht noch mehr überteuerte Laugenbrezeln :-) 

 

 

Es wurde dann, man schämt sich schon fast dafür, McDonalds. Weil auf die Schnelle nichts entdeckt haben, dass unseren Hunger hätte stillen können. Kein veganer Burger (In Portugal gibt es nur eine vegetarische Version)...das wäre ja fast ein richtiges Essen gewesen... Nein, zwei große Pommes, vier Soßen, zwei Apfeltaschen und zwei Cola zero. 18 Euro. Schön ist, dass man am Bestell-Automaten den Betrag für einen guten Zweck aufrunden kann. Gute Idee, die ich mir auch für Deutschland wünsche. Schlechtes Gefühl, weiterhin Hunger, ab ins nächste Flugzeug.

 

Als ich sitze fragt mich ein junger Amerikaner ob ich Youtuber sei. Wir kommen ins Gespräch und er erzählt dass er gestern seinen Master in Elektrotechnik und Informatik abgeschlossen hat, dass er in der Schweiz an ultraprofessionellen Spezial Kameras mit riesigen Sensoren gearbeitet hat und die Reise auf die Azoren nutzen möchte, um die anstrengende Zeit abzuschließen und sich zu belohnen. Wir sprechen weiter über Kameras, Youtube und einige weitere Dinge, bis uns eine alte Frau, in der Reihe vor uns, auffordert unser Gespräch über den Gang einzustellen. Wahrscheinlich ist wieder Covid schuld. Sogar schlecht gelaunte alte Menschen bringen die Maßnahmen und die Angst hervor. Ich will damit nicht sagen, dass es vor Corona keine schlecht gelaunten Alten gegeben hätte... Es tut auf jeden Fall gut mit jemandem  zu sprechen, auch wenn mein Englisch mehr als holprig von den Lippen geht. Beeindruckend wie viel manche Menschen erreicht haben und trotzdem zurückhaltend wirken. Das ist angenehm an uns Menschen. Jeder darf seine eigenen Unsicherheiten mitbringen. 

 

Es ist 21:00... ich weiß nicht welche Zeitzone. Die kleine Lampe an der Flügelspitze blinkt und ich frage mich wie ein so schwaches Licht vom Boden aus zu sehen sein kann. 

Ich höre Matze Hielscher und Campino bei ihrem Gespräch im Hotel Matze zu. Die Stelle an der es um die Beziehung zu Campinos Eltern geht, bewegt mich. Es geht um Unterschiede, Erwartungen und Versöhnung. Es geht darum emphatisch genug zu sein, die Beweggründe unserer Eltern zu verstehen. Die Aufforderung nach dem natürlichen Abnabelungsprozess wieder Gemeinsamkeiten zu erarbeiten, die mit den Jahren dann doch immer klarer zu werden scheinen. Ich muss an meinen Vater denken, der in anderen Verhältnissen groß geworden ist, der auf natürliche Art sehr regeltreu ist und sich einen geradlinigen Weg für seinen Sohn gewünscht hat. Wir sind verschieden aber ich realisiere immer wieder wie loyal und aurichtig dieser Mann ist. Ernsthaft besorgt um Andere. Manchmal drückt er diese Nächstenliebe seltsam aus, aber sie ist immer da. 

 

Ich frage mich ob es irgendwann zu einer kleinen gemeinsamen Reise kommen kann. Nicht in Deutschland, nicht in Europa, sondern in einer uns fremden Kultur. Das würde ich gerne erleben. Eine gemeinsame Konfrontation mit einem anderen Lebensgefühl, die vielleicht ein ganz persönliches "sich miteinander auseinandersetzen" auslösen könnte. Ich bin mir nicht sicher ob mir jemand von euch bei diesen Gedanken folgen kann...

 

Melina sitzt 5 Reihen vor mir. Ich bin gespannt. Ich will aussteigen, den Mietwagen holen, schlafen und morgen damit beginnen gemeinsam die Insel zu erkunden.

 

Morgen meldet sich hier Melina! Danke fürs Lesen! 

 

Grüße 

Felix 

 

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